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CIVITAS: Theaterprojekt „Entweder … Odra“ – Grenzgeschichten

 

Im Rahmen des Programm Civitas mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie und Jugend konnte die LAG Arbeit und Leben die Projektidee, das deutsch-polnische Verhältnis, dessen Klischees und Vorurteile durch Jugendlichen aus Polen und Mecklenburg-Vorpommern künstlerisch in Szene zu setzen. Als Projektpartner diente das deutsch-polnische Gymnasium Löcknitz. Das begleitende Projektteam von Arbeit und Leben setzte sich aus dem Projektleiter, Martin Klähn, einem Koordinator vor Ort am Gymnasium Löcknitz, Eckhard Gorontzi, der Soziologin und Filmemacherin Uta Rüchel, dem Kameramann Rüdiger Disselberger sowie dem Theaterpädagogen Marek Spitczok von Brisinski zusammen. Seit Projektbeginn im Mai 2006 konnte in der Grenzregion eine feste Gruppe von 16 deutschen und polnischen Jugendlichen aufgebaut werden, die ihre Ideen und Vorstellungen über das deutsch-polnische Verhältnis künstlerisch umgesetzt haben.

Projektverlauf

Auf mehreren Workshops in Löcknitz wurde zunächst das Projekt vorgestellt und mit den teilnehmenden Jungs und Mädchen inhaltlich erarbeitet. So wurde unter anderem eine Fragebogenaktion unter 100 deutschen und polnischen Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums durchgeführt, in der es unter dem Motto „Das Eigene und das Fremde“ um die jeweiligen Bilder von Deutschland und Polen ging. Außerdem wurde mit der Theaterarbeit begonnen, indem erste Spielszenen als Grundlage für die weiteren Workshops erarbeitet wurden. Darüber hinaus trainierten die Beteiligten Bewegungstechniken sowie Körpersprache, Stimmübungen und Kommunikationsfähigkeit.

In einer zweiten Phase fanden zwei längere Workshops statt (3 + 5 Tage), auf denen die Theaterarbeit im Vordergrund stand, aber auch inhaltliche Fragen wie die Visionen eines zukünftigen Europas, oder das Zusammenleben von Deutschen und Polen, von den Jugendlichen diskutiert wurden. Mit Unterstützung des Projektteams begannen die Jugendlichen aus ihrem Alltag heraus selbst Szenen zu entwickeln, die das deutsch-polnische Verhältnis zum Thema haben. Diese Szenen wurden improvisiert, der Gruppe vorgestellt und anschließend ausgewertet. Fragen zur Theaterarbeit, als auch zu Inhalten und Zusammenhänge kamen zur Sprache. So standen letztlich nicht nur Ereignisse zur Gegenwart, sondern auch zur Vergangenheit und Zukunft im Raum. Gleichzeitig erhöhte sich die Aufmerksamkeit füreinander, aber auch die Sensibilität hinsichtlich der Zusammenarbeit in der Gruppe und mit dem Team.

Auf dem Schulfest zu Beginn des Schuljahres 2006/07 in Löcknitz hatte die Gruppe die Gelegenheit, ihre ersten Arbeitsergebnisse vor Jugendlichen der Region und Eltern zu präsentieren. Viel Interesse, Lob und Anerkennung sowie auch kritische Anmerkungen und Nachfragen motivierten die Jugendlichen, an dem Stück weiter zu arbeiten. So entstanden nach mehreren Theater-Workshops im Grundsatz fünf Spielszenen, in denen die Jugendlichen das Thema präsentieren und das Publikum zum Nachdenken anregt und speziell mit der fünften Szene aktiv einbindet.

1.) Ein deutsches Jugendpaar geht in Polen einkaufen, dabei treffen sie auf ein polnisches Jugendpaar. Die beiden Jungs finden dasselbe T-Shirt gut, von dem es nur eins gibt und streiten sich darüber, bis es zerreißt. Die Mädchen gehen zum Kaffeetrinken und verabreden sich anschließend zu einer Party in Szczecin.

2.) Eine Familie mit deutscher Mutter und polnischem Vater ist von Hamburg nach Szczecin gezogen. Die Tochter möchte nun auf ein deutsch-polnisches Gymnasium in Deutschland gehen. Die Mutter findet dies eine gute Idee, der Vater, der Lehrer in Polen ist, findet das polnische Schulsystem besser und ist dagegen. Die Tochter ist verzweifelt und das Ende bleibt offen.

3.) Zwei Freunde, ein Deutscher und ein Pole, waren beim Klassentreffen 25 Jahre nach ihrem Abitur am deutsch-polnischen Gymnasium. Ein weiterer polnischer Freund war nicht da, obwohl er ganz in der Nähe wohnt und einen Bauernhof hat. Die beiden besuchen ihren alten Freund, protzen zunächst über ihre Berufe, merken dann jedoch, dass ein vermeintlicher Erfolg nicht immer zur größten Zufriedenheit führt.

4.) Eine Szene an einem deutsch-polnischen Gymnasium mit unterschiedlichen Stationen: ein polnisches Paar trennt sich, das Mädchen lernt einen deutschen Jungen kennen, der Junge ein deutsches Mädchen. Es sind Austauschschüler/innen aus Gdansk an der Schule. Einer von ihnen hat sich in ein deutsches Mädchen verliebt, und sie in ihn. Die Freunde auf beiden Seiten haben unterschiedliche Reaktionen – Vorbehalte und Zustimmung. Bei einem Lagerfeuer kommen die beiden sich näher.

5.) Ein deutsches Mädchen möchte mit ihrer polnischen Schulfreundin auf eine Party in Szczecin gehen. Ihre Eltern (insbesondere der Vater) verbieten dies, ihre Großmutter ist der Idee gegenüber aufgeschlossen. Sie ruft ihre polnische Freundin an, die mit ihrer Mutter vorbeikommt, um mit den deutschen Eltern zu reden. Der Vater meint, es sei zu gefährlich in Polen, die Leute dort wären unberechenbar. Die polnische Mutter ist entsetzt und fragt den Vater, warum er solche Vorurteile habe. Dieser jedoch bleibt stur, die Tochter darf nicht mit, und das polnische Mädchen geht mit ihrer Mutter zur Party. An diesem Punkt tritt der Theaterpädagoge als Moderator auf die Bühne und fragt das Publikum, was sie in der Situation des deutschen Mädchens tun würden. Einzelne Mitglieder des Publikums kommen nun auf die Bühne und probieren ihre Ideen aus, und sehen, welche Auswirkungen diese haben können. Die Interventionen werden mit dem Publikum diskutiert und auf ihre Realisierbarkeit hin überprüft. Meistens kann das Publikum den Vater überzeugen und die Tochter darf dann doch auf die Party, die zum Abschluss mit einer kurzen Tanzsequenz angedeutet wird.

Der Einbau dieser Szene wurde mit den Jugendlichen während der Workshops geprobt, wobei in verschiedener Weise an der Unterbrechung der Szene und insbesondere auch am Kontakt und der Einbeziehung des Publikums gearbeitet wurde. Die Methode des Forum-Theaters erlaubte das interaktive Agieren von Darstellenden und dem Publikum. So ermöglichte das Forum eine farcettenreiche Interpretation des Nachbarschaftsverhältnisses.

Im Verlauf der Arbeit wurde überlegt, wie die Übergänge zwischen den einzelnen Spielszenen gestaltet werden können. Eine Idee war, hier Video-Aufnahmen der Oder, passend zum Titel „Entweder – Odra“ einzuspielen. Es wurde deutlich, daß mehrere Jugendliche ein starkes Interesse daran hatten, mit diesem Medium intensiver zu arbeiten. An dieser Stelle wurde zusätzlich zum Theaterprojekt das Video-Projekt konzipiert und nach Rücksprache mit der Service-Stelle Civitas und der Landeszentrale politische Bildung M-V, die jeweils eine mögliche Förderung signalisierten, auch beantragt. Dank der Zusage beider Institutionen konnte das Projekt dann umgesetzt werden. In der Folge sind 5 Videosequenzen von jeweils etwa 3 Minuten Länge entstanden, die die Situation beidseitig der Oder zeigen, die Flußlandschaft, das Leben am Fluß, eine zerstörte und eine verbindende Brücke und natürlich den Fluß selbst.  
Szene aus:„entweder ... Odra - Grenzgeschichten“
Ein Theaterspiel über das Leben links und rechts der Oder.

 

In diese Sequenzen sind deutsche und polnische Begriffe eingeblendet wie Freundschaft, Neid, Angst, Neugier, Trauer, Vergessen, Zukunft, Zusammenhalt, Leid und Kommunikation, die in einem Brainstorming mit den Jugendlichen gemeinsam gefunden wurden und die u.a. in dem Spielszenen bearbeitet werden. Die gemachten Aufnahmen reicherten die Theateraufführung an und ergänzen diese als Rahmen. Die verschiedenen Bildsequenzen lassen weitere Assoziationen mit dem Grenz-Fluß, getreu dem Motto: „Entweder Odra“, zu. Der Fluss Oder erscheint nun in vielfältiger Perspektive – als Geschichte, Gegenwart, Alltag oder Schönheit. Die mit Musik unterlegten Szenen wurden nach Absprachen mit den Teilnehmenden eingefügt und passen sich nach Meinung der Jugendlichen gut in das Gesamtkonzept „Entweder Odra“ ein.


Im Hinblick auf die Aufführungen an Schulen und auf öffentlichen Veranstaltungen in der Region und in ganz Mecklenburg-Vorpommern, erwies es sich nach unserer Meinung als hilfreich, mit dem Medium Film, weiterführende Assoziationen und Denkprozesse anzuregen. Während der inhaltlichen Arbeit, stellten die Jugendlichen immer wieder Bezüge zu den Bildern her. Ein Beispiel hierfür waren u.a. die verschiedenen Erfahrungen der Generationen mit und an der Grenze oder das Verhältnis der Deutschen und Polen zur Vergangenheit.

Nach der Meinung aller Beteiligten ist ein Projekt entstanden, das von Jugendlichen für Jugendliche und Erwachsene geschaffen wurde. Eine vielfältige Herangehensweise an grenzüberschreitende Nachbarschaftsverhältnisse kann durch das Stück erfolgen. Weitere Auftritte sind gemacht worden bzw. in Planung. Unter Mithilfe der Förderer ist darüber hinaus eine Videodokumentation entstanden, die methodisch anregen kann bzw. die Arbeit plastisch abbildet.

Die entstandene DVD mit Spielszenen und der Dokumentation ist bei der LAG Arbeit und Leben erhältlich. Anfragen unter info@arbeitundlebenmv.de oder 0385-6383290.

Projektförderung durch:
Civitas Bundesministerium für Familie
 
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